Fischköpfe und Egoisten Olympia 2004
(Quelle: Ronald Reng)

VDS-Berufswettbewerbe 2004
Großer VDS-Preis
Kategorie: Reportage
1. Preis:
Ronald Reng

Fischköpfe und Egoisten

Wie Stefan Nimke den deutschen Bahnradfahrern Gold in der Sprintstaffel sichert
Erschienen während der Olympischen Spiele in Athen

Von draußen bricht das überbordende Sonnenlicht herein, alles, der schwarz lackierte Chrom seines Rennrads, sein weißes Deutschland-Trikot, sein gelber Rennhelm, glänzt im schönsten, hellsten Licht, als es für Stefan Nimke dunkel wird. Er hört das Geschrei der 5000 Zuschauer im Velodrom noch, aber er sieht nur noch schwarz. Er kennt den Moment. Er weiß, er muss jetzt "wühlen", wie er es nennt, die Pedale treten, auch wenn er die Beine nicht mehr spürt, nur noch den Schmerz. Nimke fährt hinein in die Welt, in der alles nur noch schwarz ist, er fährt sich in jenen Zustand, in dem er nicht mehr weiß, ob er noch bei Sinnen oder schon ohnmächtig ist. Eine Runde noch.
Am Abend zuvor, es war Freitag, hat er versucht, die Gefühle zu beschreiben, die er auf der letzten Runde durchlebt. "Du leidest Qualen, du denkst, die Leute an der Strecke schlagen mit Baseballschlägern auf dich ein." Bronze im 1000-Meter-Zeitfahren hatte er da gewonnen. Er ist 26, vor vier Jahren in Sydney war es schon Silber gewesen. Er dachte laut darüber nach, dass er nun in vier Jahren in Peking noch einmal zurückkommen müsse, um endlich Gold zu gewinnen, und die Aussicht schien ihn nicht sehr zu begeistern. Aber dann wurde aus vier Jahren Wartezeit ein Tag.
Freitagnacht rief Sprinttrainer Detlef Uibel seine Fahrer zusammen. Am nächsten Tag stand der Olympische Sprint auf dem Programm, jenes Staffelrennen, in dem drei Fahrer pro Team starten, einer nach einer Runde aussteigt, der zweite nach zwei Runden und der dritte nach drei im Ziel ist. Jens Fiedler, René Wolff und Carsten Bergemann wurde 2003 in Stuttgart Weltmeister. Uibel sagte ihnen, eine Nacht vor dem Start, Bergemann werde nicht fahren. Er gebe Nimke den Platz. "Sprinter", sagt Uibel, "sind Sturköpfe. Ich weiß das, ich war selber einer. Außenstehende würden erschrecken, wenn sie unseren Umgangston hörten. Ich stelle die Mannschaft auf, ich mache das rigoros." Nimke habe ihn mit seiner Bronzefahrt auf den 1000 Metern überzeugt. Aber Nimke ist nie mit den anderen Zwei ein Staffel-Rennen gefahren. Das Verständnis im Team ist wichtig, sie müssen sich nach dem Start hintereinander einfädeln und bei 60 Stundenkilometern Rad an Rad bleiben. Ein Fehltritt könnte eine Hundertstelsekunde kosten. Oft entscheiden Tausendstel.
Deutschland hat im Finale des Olympischen Sprints 16 Tausendstelsekunden Vorsprung auf Japan, als Nimke alleine auf die letzte, 250 Meter lange Runde geht. Wolff schreit ihm hinterher. Nimke versteht es nicht. Wolff weiß nicht, was er schreit. Nimke hört nur das
Geschrei der Masse, und das Geschrei hört sich gut an. Er weiß, es sind mehr deutsche als japanische Fans in der Halle.
Sie sind so unterschiedlich wie man sein kann, als Fahrer, als Menschen. Deshalb sind sie zusammen so gut. Fiedler ist der Anfahrer, er hat die Explosivität am Start, er setzt den Rhythmus auf der ersten Runde. 1992 und 96 war er Olympiasieger im Sprint, "ein Egoist", sagt Uibel, und meint das positiv: umtriebig, geschäftstüchtig, einer, der weiß, wo und wie er den Erfolg findet. Jetzt ist Fiedler 34, "es fällt mir schwer, mich noch zu motivieren". Er weiß, im Einzelsprint hätte er keine Chance mehr. Also steckt er allen Ehrgeiz in die Staffel. Wolff, 26, ist der schnellste von ihnen, er kann auf der zweiten Runde noch einmal beschleunigen. Er trägt einen Kinnbart, der fast die Länge eines Propheten erreicht. Er studiert Philosophie, er möchte Literaturkritiker werden. Auf seiner rechten Wade hat er auf Chinesisch einen Spruch tätowiert: "Ich bin der Elefant und du die Maus."
Nimke beugt sich tiefer über seinen Lenker, auf der Leinwand zeigen sie sein Gesicht. Man sieht die Augen nicht hinter dem Plexiglas seines Windschutzes. Der Blick fällt auf den Mund. Er scheint still zu schreien. Nimke hätte Gold verdient. Er hatte über 1000 Meter nicht nur in Sydney und Athen Erfolg, er wurde 2003 Weltmeister. Man hat ihn immer übersehen. Der Bahn-Vierer zog all die Aufmerksamkeit auf sich, für all die falschen Gründe, weil sich Leipziger und Berliner weigerten, miteinander zu fahren. "Es tat weh", sagt Nimke zu der Missachtung seiner Erfolge. Er nahm es schweigend hin. Er ist unkompliziert, zielstrebig, letzten Endes zurückhaltend. Er kommt aus Schwerin. "Ich bin halt eher so ein Fischkopf", sagt er.
Sie kommen im Gleichklang auf die Ziellinie zu, das menschliche Auge sieht keinen Unterschied zwischen Nimke und dem Japaner. Es ist alles schwarz, aber die Intuition funktioniert noch immer. Sie sagt Nimke, dass er über dem Zielstrich ist. Uibel fängt zu weinen an. Fiedler fährt hoch zur Balustrade, er holt seinen vierjährigen Sohn Ramon, setzt ihn auf den Lenker, zu zweit fahren sie die Ehrenrunde. Wolff schnappt sich eine deutsche Fahne; ohne zu treten, hat er noch so viel Fahrt drauf, dass sie voll im Wind weht. Nimke hat dem Japaner auf der letzten Runde mehr als zwei Zehntel abgenommen. Er geht auf die Toilette und übergibt sich.

 

 

 Bestzeiten

 

1000m Zeitfahren

1:00,082 min 

1:01,787 min (Tandem)

 

200m fliegend

9,670 sec

10,605 sec (Tandem) 

 

Teamsprint

42.914 sec 

 

 Olympiasieger

6x Weltmeister

6x Europameister

16x Deutscher Meister